EcHo über der PRäRie

Wings of the West Buch 7

Eine Kurzgeschichte


Übersetzt von Anja Ritter

Nord-Texas
1895

Ecacusayet. Blitz. Der rebellische Hengst mit Namen Echo floh kurz nach seiner Geburt von der Ranch der Ryans und widersetzt sich seitdem jedem Versuch, ihn einzufangen. Der siebzehnjährige Eli Ryan hat sich vorgenommen, das zu ändern. Auf der Suche nach dem Aufenthaltsort des Pferdes in der Wüste von Texas stößt Eli mit Cassie Callahan zusammen. Trotz der faszinierenden Ablenkung, die ihre verführerischen grünen Augen bieten, lässt Eli sich nicht von seinem Ziel abbringen. Nur ihr hartnäckiger Einsatz für den legendären Hengst könnte ihn aus der Bahn werfen.

Erhältlich als E-Book.

Reading order of the Wings of the West Series:
Verliebt in Texas (Buch 1)
Verliebt in New Mexico (Buch 2)
Verliebt am Grand Canyon (Buch 3)
Verliebt in Arizona (Buch 4)
Verliebt in Colorado (Buch 5)
Ein glänzender Penny (Eine ‚Wings of the West‘-Kurzgeschichte) – available to newsletter subscribers
Das Lied des Zaunkönigs (Eine Wings of the West-Novelle) – available to newsletter subscribers
Wiedersehen in Texas (Buch 6) – Eine lange Novelle
Echo über der Prärie (Buch 7) – Eine Kurzgeschichte

Currently available in English only:
The Starling (Book 8)
The Canary (Book 9)
The Nighthawk (Book 10) – Coming Soon

Impressum

Rezensionen

Erscheint demnächst

Kapitel einS

Nord-Texas, 1895

 

Elijah Ryan hielt die Zügel umklammert, während seine Stute mit halsbrecherischer Geschwindigkeit über das flache, offene Land preschte. Die Prärie erstreckte sich bis zum Horizont, nur unterbrochen von gelegentlichen Plateaus oder Felsvorsprüngen, die die Illusion der Unendlichkeit störten. Die steife Brise war eine Wohltat an diesem heißen Augusttag und trocknete Elis schweißnasses Hemd. Ein Hochgefühl stieg in ihm auf – er war kurz davor, diesen verdammten abtrünnigen Hengst zu erwischen. Endlich!

 

Wie ein Geist war Elis Beute Minuten zuvor verschwunden, aber Eli hatte ihn gesehen – mit eigenen Augen – und diesmal würde er sein Ziel nicht entkommen lassen.

 

Seine Stute schnaubte und streckte ihre Beine lang, während Eli sich tief über ihren Hals beugte. Plötzlich, ohne Vorwarnung, bäumte sie sich auf und stieg. Eli verlagerte sein Gewicht, um nicht abgeworfen zu werden, aber es half nichts – lautes Wiehern erfüllte seine Ohren und ein heiserer Schrei entrang sich seiner Kehle, als er den Halt im Sattel verlor. Mit einem knochenzermalmenden Aufprall schlug er auf dem Boden auf. Einen Moment lang war er wie betäubt, unfähig zu atmen, während die Hufe seiner Stute nur Zentimeter von seinem Gesicht entfernt landeten.

 

Weg hier.

 

Aber sein Körper reagierte nicht. Er wartete darauf, dass sein Leben vor seinen Augen vorbeizog, doch als nichts passierte, die Vergangenheit sich nicht mit der Gegenwart vermischte, kam ihm der Gedanke, dass siebzehn Jahre vielleicht zu kurz waren, als dass Gott sich die Mühe einer Zusammenfassung machen würde.

 

„Hoo! Zurück mit dir!“, sagte eine weibliche Stimme.

 

Obwohl er noch immer am Boden lag, stellte Eli erleichtert fest, dass er eine Hand zu seiner Stirn führen konnte. Er rieb darüber, um den Nebel aus seinem Kopf zu vertreiben. Die Stimme gehörte nicht zu einer seiner Schwestern. Katie half Tante Claire, sich um T. J. Walkers Frau zu kümmern – die kurz vor ihrer sechsten Geburt stand und Gefahr lief, ein weiteres Kind zu verlieren –, und Josie lag noch im Bett und erholte sich von dem Angriff des Berglöwen, der sie fast das Leben gekostet hätte.

 

„Geht es dir gut?“ Ein südstaatlicher Akzent schwang in der femininen Stimme mit. „Das war ein ziemlich heftiger Sturz.“ Ein Knie streifte ihn, während sanfte Hände seinen linken Arm und seine Schulter berührten.

 

„Wie viele Finger halte ich hoch?“, fragte sie. Ihr Gesicht wurde von einem breitkrempigen Hut beschattet.

 

Eli blinzelte, als sie sich über ihn beugte. Sein Blick wanderte zu ihren Augen. „Grün.“

 

„Grün?“ Ihre hübschen Züge spiegelten Besorgnis wider. „Bleib lieber still liegen. Der Sturz muss schlimmer gewesen sein, als er aussah. Wobei er zugegebenermaßen ziemlich schlimm ausgesehen hat.“

 

„Drei Finger.“ Eli räusperte sich. „Du hast grüne Augen.“

 

Diese klaren, waldgrünen Augen musterten ihn erneut und er fragte sich, ob sie eine Sinnestäuschung war. Eine überzeugendere hätte er sich nicht ausdenken können, selbst wenn er es versucht hätte.

 

„Nun, vielleicht geht es dir doch gut“, räumte sie ein. „Möchtest du dich aufsetzen?“

 

Ein Strang ihres dunklen lockigen Haares fiel ihr über die Schulter und Eli erhaschte einen Hauch von Rosenduft. Sein Verstand setzte aus. Alle männlichen Instinkte, die er besaß, übernahmen die Führung, als sie seine Schulter stützte und ihn hochdrückte. Benommen stand er auf und versuchte, die Wirkung, die diese unbekannte junge Frau auf ihn hatte, abzuschütteln. Es war nicht so, als ob er noch nie ein Mädchen gerochen hätte – er hatte immerhin zwei Schwestern und eine ganze Reihe Cousinen. Es musste am Sturz liegen, dass er sich so verhielt, aber gleichzeitig keimte in ihm ein neues Verständnis dafür auf, was die Hengste auf der Rocking Wren durchmachten, wenn sich eine rossige Stute in der Nähe befand.

 

„Kannst du laufen?“, fragte sie.

 

„Ja, es geht mir gut.“ Eli war froh, dass er das Sprechen nicht verlernt hatte. Er stellte fest, dass er einen Kopf größer war als sie. Sie wirkte wie seine fünfzehnjährige Schwester Katie und verhielt sich auch so – wahrscheinlich waren sie in ähnlichem Alter. Er kannte die meisten Leute aus der Gegend, aber sie kam ihm nicht bekannt vor. Er hätte sich an ihre grünen Augen erinnert.

 

„Es tut mir leid, dass ich dein Pferd erschreckt habe“, sagte sie. „Aber ihr seid aus dem Nichts gekommen.“

 

„Du hast Glück, dass du nicht verletzt wurdest.“ Er beugte sich hinunter und hob seinen Hut vom Boden auf. „Hast du dich verlaufen? Wie heißt du?“

 

„Nein, ich habe mich nicht verlaufen.“ Sie streckte ihre Hand aus. „Ich bin Cassie Callahan.“

 

Eli starrte sie an, dann nahm er sich zusammen.

 

Er streckte ebenfalls die Hand aus und bemerkte, dass er noch immer seine Arbeitshandschuhe trug. Umständlich zog er sie aus. Einem hübschen Mädchen schüttelte man nicht mit Handschuhen die Hand.

 

„Ich bin Eli Ryan.“ Er ließ ihre Hand los und wunderte sich über seine Befangenheit. Normalerweise ließ er sich von Frauen nicht aus der Ruhe bringen. „Ich kenne die Callahans, aber du kommst mir nicht bekannt vor.“

 

„Wir sind uns vor langer Zeit begegnet. C.C.?“

 

„C.C.“ Das überraschte ihn. „Das letzte Mal, als ich dich gesehen habe, warst du vielleicht vier oder fünf.“

 

„Mein Vater und ich sind vor kurzem aus Georgia zurückgezogen.“

 

Eli erinnerte sich dunkel daran, dass einer der Callahan-Söhne wegen einer persönlichen Angelegenheit die Verbindung zur Familie abgebrochen hatte, aber für mehr als das hatte sein Interesse nicht gereicht. Vielleicht hätte er seiner Mutter, seiner Großmutter und seinen Tanten bei den Familientreffen mehr Aufmerksamkeit schenken sollen. Sie schienen über den lokalen Klatsch und Tratsch bestens informiert zu sein. „Wie lange bist du schon zurück?“

 

„Seit ein paar Monaten. Ich glaube nicht, dass Großvater Callahan es den Nachbarn verkündet hat.“

 

„Nicht, dass ich wüsste.“

 

Der Hengst. Wahrscheinlich längst verschwunden. Vielleicht war Lucas erfolgreich gewesen – sein Cousin war vorhin Richtung Süden geritten. Lucas besaß das unnachahmliche Talent der Blackmores fürs Fährtenlesen.

 

Eli wusste, dass er sich auf den Weg machen sollte – die Zeit drängte –, aber er blieb wie angewurzelt stehen, unwillig, Miss Callahan zu verlassen.

 

„Bist du ganz allein hier draußen?“, fragte er.

 

Sie nickte. „Ich reite gern aus.“

 

„Hast du hier ein wildes Pferd gesehen? Es ist erdfarben mit schwarzer Mähne und einem weißen, mit dunkelbraunen Flecken übersäten Hinterteil – ein Hengst, der ganz von sich überzeugt ist.“

 

Miss Callahan zögerte und ihr Blick verdunkelte sich. „Ich habe schon einige wilde Pferde gesehen. Warum suchst du nach ihm?“

 

Eli dachte an Josie, die in ihrem Bett auf der Ranch lag und sich von ihren Wunden erholte. Doch anstatt über den Beinahe-Tod seiner Schwester zu sprechen, wandte Eli seine Gedanken dem Pferd zu.

 

„In dieser Gegend erzählt man sich eine Legende über ihn.“

 

Miss Callahan wartete.

 

Ein Schauer lief Eli über den Rücken. Das Vieh war bloß ein verdammtes Pferd, erinnerte er sich, auch wenn diese Geschichten dem Tier etwas anderes andichten wollten – etwas Gespenstisches.

 

„In der Nacht, in der er geboren wurde, vor zwei Jahren, zog ein heftiger Sturm auf.“

 

„In der Nacht, in der er geboren wurde“, wiederholte sie. „Du meinst, er gehört dir?“

 

„Meiner Mutter. Sie züchtet Pferde und versteht es, deren Naturell vorherzusehen. Sie hat meine jüngere Schwester Josie bei seiner Geburt helfen lassen. Sie war damals zwölf, aber es war verdammt gefährlich mit dem Sturm, der draußen tobte.“ Eli rieb sich die Nase und blickte zum Horizont, wo der blaue Himmel mit der beigefarbenen Wüste verschmolz. Es kam nicht oft vor, dass er in der Nähe eines hübschen Mädchens war – Schwestern und Cousinen nicht miteingerechnet –, also sollte er wohl auf seine Sprache achten.

 

„Was ist passiert?“

 

„Gerade als Josie ihn aus seiner Mutter herauszog, schlug ein Blitz ein. Er traf die Stute – leider gab es keine Hoffnung für sie – und das Fohlen brannte durch.“

 

Miss Callahan schnappte nach Luft. „Aber er war doch gerade erst geboren.“

 

„Wir hätten ja versucht, ihn einzufangen, aber wir waren uns nicht sicher, was mit Josie war –der Blitz hatte auch sie umgehauen.“

 

„Ging es ihr gut?“

 

„Ja, sie hatte Glück. Wir anderen standen weiter hinten. Mein Vater und ich suchten nach dem Fohlen, fanden es aber nicht, auch nicht seine Leiche.“ Ein Schatten legte sich über das Land, als sich Wolken vor die untergehende Sonne schoben. „Es gibt immer wieder Augenzeugenberichte, Rancharbeiter, die ihn gesehen haben wollen, aber er wurde nie gefasst. Wir haben es alle versucht – mein Vater, ich, mein Onkel Logan. Mein Onkel Nathan und sein ältester Sohn Lucas sind ihm einmal sehr nahe gekommen. Dafür hat ihnen Tante Em die Hölle heiß gemacht.“ Eli hüstelte. Hübsche Mädchen waren eine willkommene Abwechslung, aber sie konnten einen Mann schon ein wenig nervös machen.

 

Der fragende Blick von Miss Callahan zwang ihn, sich wieder auf das Gespräch zu konzentrieren. „Lucas hat sich den Arm gebrochen“, fügte er hinzu.

 

Ihr Blick wurde nachdenklich.

 

„Meine Ma hat gesagt, wir sollen das Pferd vergessen, aber Josie kann das nicht. Wir nennen ihn Echo, kurz für Ecacusayet. Das ist das Comanchen-Wort für Blitz.“

 

„Deine Ma hat ihm einen Namen gegeben?“

 

„Ja.“

 

„Die Geschichte von Molly Harts Rückkehr von den Comanchen wurde im Hause Callahan oft erzählt“, sagte sie.

 

Eli beschloss, diese Tatsache seinen Eltern gegenüber nicht zu erwähnen – sein Vater hatte es nicht gern, wenn andere sich über die Vergangenheit ausließen, die seine Frau zu ihm geführt hatte.

 

„Warum willst du ihn fangen?“ In ihrer Stimme lag eine leichte Schärfe.

 

„Für Josie. Ich will ihn ihr zurückbringen.“

 

„Er ist schon so lange frei. Meinst du nicht, es ist an der Zeit, ihn in Ruhe zu lassen?“

 

„Vor kurzem wurde er angeschossen, zumindest glauben wir das.“ Eli entging nicht, dass sich Miss Callahans Rücken versteifte. Zögerlich fügte er hinzu: „Es gibt einige, die behaupten, ich wäre es gewesen.“

 

Ein Ausdruck des Entsetzens huschte über ihr Gesicht, und seine Hoffnung, ihr den Hof zu machen, verpuffte. Er sollte verdammt noch mal seinen Mund halten, aber er war dazu erzogen worden, die Wahrheit zu sagen. Manche Angewohnheiten ließen sich nicht so leicht abschütteln.

 

„Stimmt das?“, flüsterte sie.

 

Der Himmel im Westen erstrahlte ein letztes Mal in leuchtendem Orange, bevor der Tag in die Nacht überging.

 

„Nein.“ Eli presste grimmig die Lippen zusammen. „Roy Hardy hat eine große Klappe. Wahrscheinlich waren es Viehdiebe. Ich will mich nur versichern, dass es Echo gut geht.“

 

 

* * *

 

Furcht erfüllte Cassie, als sie Eli Ryan ansah. Er war groß geworden und attraktiv mit seinem dunkelbraunen Haar und den blaugrünen Augen, die sie plötzlich so sehr fesselten, dass sie sich fühlte wie an dem Tag, als sie in einen Brunnen gefallen war – desorientiert und verängstigt. Das alles war schlimm genug. Aber genauso groß war die Sorge, die an ihr nagte, wenn sie an den Hengst dachte. Ihren Hengst. Sie nannte ihn Medallion, aber jetzt kannte sie seinen wahren Namen: Echo.

 

Und sie würde niemals zulassen, dass Eli ihn einfing. Zumindest nicht mit ihrer Hilfe. Das wäre Verrat. Medallion hatte ihr vertraut, als sie ihn aus einer Schusswunde blutend unter einem Mesquite-Baum gefunden hatte. Es hatte sie einige Mühe gekostet, aber letztendlich hatte er ihr erlaubt, sich lange genug in seiner Nähe aufzuhalten, damit sie sich um seine Wunde kümmern konnte. Sie kannte sich zwar nicht besonders gut mit der Behandlung solcher Verletzungen aus, aber sie hatte die blutige Einschussstelle so gut wie möglich gesäubert, und der Hengst hatte sich allem Anschein nach erholt.

 

Er akzeptierte ihre Anwesenheit immer noch, wobei sie darauf achtete, seine Grenzen nicht zu überschreiten, und er vertraute ihr von Tag zu Tag mehr. So oft sie konnte, kam sie hierher in die einsamen und endlos weiten Ebenen von Nord-Texas und verbrachte Zeit mit dem Hengst.

 

Dieses Pferd war ihre Rettung.

 

Und sie wollte gern glauben, dass sie auch seine war.

 

„Ich habe kein Pferd dieser Beschreibung gesehen“, sagte sie. „Es wird Abend, ich sollte mich auf den Heimweg machen.“ Sie setzte ihren Hut auf und nahm die Zügel ihres Pferdes.

 

„Bis zum Callahan-Land sind es ein paar Meilen. Ich werde mit dir reiten. Du solltest wirklich nicht allein hier draußen sein.“

 

„Das bin ich auch nicht immer“, log sie.

 

Eli reichte ihr die Hand, als sie auf ihr Pferd stieg, und die Berührung verwirrte sie. Sie gefiel ihr. Und Eli, nun, er war … interessant. Waren alle Jungen in Texas wie er? Falls ja, dann sollte sie sich darauf einstellen, dass sie für die Dauer ihres Aufenthalts ziemlich aus der Balance geraten würde.

 

Aber was, wenn Eli doch auf Medallion geschossen hatte? Er hatte es abgestritten, aber wenn er nun gelogen hatte? Cassie war erst fünfzehn und die meiste Zeit ihres Lebens mutterlos gewesen. Sie wusste, dass es das Beste war, Eli Ryan so gut wie möglich aus dem Weg zu gehen. Das war die einzige Möglichkeit, Fehler zu vermeiden – in der Freundschaft, im Vertrauen, und mit dem Herzen.

 

Der letzte Gedanke überraschte sie, flüsterte ihr ins Ohr wie eine Botschaft aus der Vergangenheit. Nein, nicht aus ihrer – aus der ihres Vaters. Und sie war es leid, unter dem dunklen Mantel seiner Trauer zu leben.

 

Sie ritten gen Süden, während die Dämmerung den Himmel eine Nuance dunkler färbte und die drückende Hitze des Tages endlich nachließ.

 

„Bist du froh, wieder in Texas zu sein?“, fragte Eli, der neben ihr ritt.

 

„Ja.“ Cassie warf einen Blick auf die friedliche Weite des Landes – eine Wohltat für schwermütige Seelen. „Es ist ganz anders als Georgia, aber es hat definitiv einen Charme, der seinesgleichen sucht. Bist du jemals fort gewesen?“

 

Eli lachte. „Wo sollte ich denn hingehen? Die Ryans sind hier ebenso stark verwurzelt wie die Callahans. Außerdem bin ich zu sehr wie meine Ma, sagt jedenfalls mein Pa. Sie kann es nicht ertragen, zu lange im Haus eingesperrt zu sein, genau wie ich.“

 

„Du hast nur Schwestern?“

 

„Ja, Katie und Josie. Es wird sie freuen, zu hören, dass du wieder da bist. Ich bin mir sicher, sie können es kaum erwarten, dich zu Besuch zu haben, für eine Woche oder länger.“

 

Der Gedanke hatte einen gewissen Reiz, aber nicht unbedingt wegen Elis Schwestern. Cassie warf ihm einen heimlichen Blick aus dem Augenwinkel zu.

 

„Wie alt sind sie?“

 

„Katie ist fünfzehn und Josie ist vierzehn. Ungefähr so alt wie du.“

 

„Gefällt es dir, Schwestern zu haben?“ Als Einzelkind war sie nie in den Genuss von Geschwistern gekommen.

 

Eli zuckte mit den Schultern. „Ich habe nie wirklich darüber nachgedacht. Für mich wirkt es so, als wären sie schon immer dagewesen. Josie ist ein Sturkopf, aber ich gebe zu, ich hänge an ihr. Und wenn du ihr das jemals sagst, werde ich es abstreiten.“

 

Er grinste und ihr Herz schlug ein wenig schneller.

 

„Ich werde es mir merken“, sagte sie.

 

Ein Reiter näherte sich, ein junger Mann mit dunklem Haar und schlanker Statur, Eli nicht unähnlich. Er zügelte sein Pferd. „Echo hast du wohl nicht gefangen, aber dafür etwas anderes, wie es aussieht.“

 

Cassie fragte sich, ob sie sich Elis finsteren Blick nur eingebildet hatte.

 

„Ich hätte sie beinahe über den Haufen geritten. Miss Callahan, das ist mein Cousin, Lucas Blackmore.

 

„Miss.“ Lucas hob seinen Hut und Cassie begrüßte ihn mit einem Nicken. Er sah gut aus und wirkte tüchtig, aber ein kurzer Blick auf die beiden jungen Männer verriet Cassie zu ihrer eigenen Beunruhigung, dass Eli sie viel mehr interessierte.

 

„Da du mit leeren Händen kommst, nehme ich an, dass der legendäre Blackmore-Instinkt dich im Stich gelassen hat“, sagte Eli.

 

Der anklagende Tonfall erregte Cassies Aufmerksamkeit. Wie sehr wollte er Medallion eigentlich wirklich? Und würde er sie beiseiteschieben, um ihn zu bekommen?

 

„Ich hebe mir meine Antwort für später auf, da wir uns in Gesellschaft einer Dame befinden“, antwortete Lucas.

 

„Bitte bemüht euch nicht meinetwegen“, sagte Cassie. „Ich wollte mich sowieso gerade verabschieden.“ Es war schon fast dunkel. „Es war schön, dich wiederzusehen, Eli. Mister Blackmore.“

 

„Wenn du mal wieder ausreiten willst, sag einfach Bescheid“, rief Eli ihr nach.

 

Sie winkte und setzte ein, wie sie hoffte, freundliches Lächeln auf. Sie konnte nicht sagen, warum, aber sie glaubte, Elis Blicke auf sich zu spüren, als sie davonritt. Doch sie würde sich nicht umdrehen, um ihren Verdacht zu bestätigen – oder um einen letzten Blick auf ihn zu erhaschen.

 

* * *

 

„Sie nennt mich Mister Blackmore, aber dich Eli.“ Lucas lachte. „Kein Wunder, dass du die Suche nach Echo aufgegeben hast. Miss Callahan ist um einiges hübscher.“

 

„Kann sein.“ Das war untertrieben – Cassie war das Hübscheste, was Eli je in dieser einsamen Landschaft gesehen hatte. Sobald er sich Echo geschnappt hatte, würde er den Callahans mal wieder einen Besuch abstatten. Cassies Zurückhaltung, die er vor allem gespürt hatte, nachdem er ihr von Echo erzählt hatte, würde er mit ein wenig konzentriertem Einsatz überwinden. Vielleicht konnte Onkel Logan ihm einen Rat geben – mit einer Ehegattin und vier Töchtern war er der Frauenexperte unter den männlichen Ryans.

 

Er rieb sich das Gesicht, müde von der Suche nach diesem gottverdammten Pferd. Aber er würde es finden. Die Schießereien, die sich in letzter Zeit immer mehr häuften, bereiteten ihm Sorgen. Auch andere Tiere waren ihnen zum Opfer gefallen – Pferde und Rinder – und das musste aufhören. Aber vor allem wollte er Echo nach Hause bringen. Er würde alles tun, um die Augen seiner kleinen Schwester wieder leuchten zu sehen. Er wusste, dass Echo die Antwort darauf war, ihre Seele wieder zurückzugewinnen, nachdem der Angriff sie ihr geraubt hatte.