verliebt in texas

Wings of the West Buch 1

Übersetzt von Anja Kwiatkowski

Nordtexas
1877

Zehn Jahre sind vergangen, seit ihr Zuhause überfallen, ihre Eltern ermordet und Molly Hart entführt wurde. Nachdem sie den Großteil ihrer Kindheit bei den Kwahadi-Comanche verbracht hat, kehrt sie endlich heim nach Texas. Sie findet jedoch nichts weiter vor als ein verfallenes Anwesen. Mit Schaudern entdeckt sie ihren eigenen Grabstein und trifft auf Matt, der ihr schon früher viel bedeutet hat. Entschlossen, das Rätsel ihrer Vergangenheit aufzuklären, beschließt Molly, den Mörder ihrer Eltern zu suchen. Dabei setzt sie nicht nur ihr Leben, sondern auch ihre Liebe zu Matt aufs Spiel …

Getrieben von den Dämonen der Vergangenheit steht Matt Ryan vor den Überresten der Hart-Ranch. Zehn Jahre lang hat er als Soldat und Texas Ranger sein Leben aufs Spiel gesetzt, stets auf der Suche nach Gerechtigkeit für den grausamen Mord an einem kleinen Mädchen. Nun kehrt er, seelisch und körperlich angeschlagen, zurück an den Ort, wo alles begann. Dort trifft er überraschend auf eine Frau mit denselben blauen Augen wie das Mädchen, das er nie vergessen konnte. Für ihn ist klar: Um jeden Preis will er Molly zu ihrem Glück verhelfen, auch wenn er dafür riskieren muss, sie ein zweites Mal zu verlieren …

Rezensionen

„… McCaffreys Westernromane zeichnen sich durch ein realistisches Setting und die detailgetreue Darstellung historischer Ereignisse aus.“

~ Romantic Times BOOKclub

 

„Ich bin ein großer Fan von Western-Liebesromanen und dieses Buch ist wirklich außergewöhnlich. Ein schöner Auftakt zu einer tollen Serie.“

~ The Romance Studio

 

„Attraktive, verwegene Helden, starke Heldinnen und eine ausgezeichnete Story machen diesen Roman zum bleibenden Lesegenuss.“

~ The Best Reviews 

kapitel eins

Nordtexas

Mai 1877

 

Haben Sie sich verirrt, Miss?“

 

Die Frau fuhr erschrocken im Sattel herum. Ihre großen strahlend blauen Augen musterten ihn unter der Krempe ihres braunen Huts aufmerksam.

 

Matthew Ryan hätte in dieser abgelegenen Gegend der texanischen Prärie niemals damit gerechnet, einer einsamen Reiterin zu begegnen, die auf drei Gräber am Fuß des Berges starrte. Sofort stieg das Bild eines Mädchens aus der Vergangenheit vor ihm auf, mit ähnlich leuchtend blauen Augen. Ein ganzes Leben war vergangen seit jener Nacht im August, als er Molly Hart das letzte Mal gesehen hatte. Ihren Verlust hatte er immer noch nicht überwunden, der dumpfe Schmerz schien nie ganz abzuflauen.

 

„Nein, ich habe mich nicht verirrt“, antwortete die Frau. Ihre klangvolle Stimme hüllte ihn ein wie eine warme Decke.

 

„Sie sind weit entfernt von der nächsten Siedlung.“ Er hielt seinen Hut fest, den eine Windböe ihm vom Kopf reißen wollte. Die Anzeichen für einen drohenden Sturm mehrten sich. Am Horizont türmten sich bereits dunkle Wolken auf. Matt erkannte, dass weder ihm noch der Frau allzu viel Zeit dafür bleiben würde, von hier wegzukommen. Er sollte besser aufbrechen.

 

„Sie doch auch“, erwiderte sie.

 

„Kannten Sie die Familie Hart?“ Er deutete mit einem Kopfnicken auf die Gräber.

 

Die Frau wandte sich ab und nickte kaum merklich. Einige kastanienbraune Haarsträhnen lugten unter ihrem Hut hervor.

 

„Ich bin Matt Ryan.“ Er ließ seinen Blick über das kleine Tal schweifen, hinüber zu dem verfallenen Haus und den Resten der Hart-Ranch in ungefähr einer Viertelmeile Entfernung. Ein Weidezaun, Stallungen und eine Scheune standen noch, von Steppenläufern überrollt und begraben unter Staub, gespenstische Wächter eines einstmals so lebendigen Ortes. „Meine Familie betreibt eine Ranch etwa dreißig Meilen östlich von hier.“

 

Als er die fremde Frau wieder ansah, stellte er fest, dass sie ihn geradezu entsetzt anstarrte. „Was ist?“, fragte er.

 

Ihr Pferd, eine schöne Fuchsstute mit einer Färbung, die dem Haar der Frau nicht unähnlich war, trippelte nervös auf der Stelle, als Reaktion auf die Anspannung der Reiterin.

 

„Matthew Ryan?“

 

„Sind wir uns schon einmal begegnet?“, fragte er.

 

Anstatt zu antworten, stellte sie ihm weitere Fragen. „Wie ist die Familie Hart gestorben? Wie ist Molly Hart gestorben?“

 

Matt hielt inne. Zehn Jahre waren seit seinem letzten Besuch an diesem Ort vergangen, zehn Jahre, seit man drei Gräber ausgehoben und die Leichen der Ermordeten zur letzten Ruhe gebettet hatte. War er ein Feigling, weil er nicht eher hergekommen war? Er vermochte es nicht zu sagen. Er wusste nur, dass Molly Harts Tod noch immer schwer wie ein Felsblock auf ihm lastete, denn er fühlte sich schuldig, weil er sie in jener Nacht allein gelassen hatte.

 

„Vor etwa zehn Jahren wurde die Ranch während eines Festes überfallen. Mr und Mrs Hart wurden getötet. Molly verschwand.“ Seine Stimme war ruhig, beinahe unbeteiligt, wie er es in den Jahren bei der Armee und den Texas Rangers gelernt hatte. Es war ihm zur zweiten Natur geworden, seine Gefühle zu verbergen, denn das war bei dieser Arbeit hilfreich gewesen. Welchen Preis er dafür gezahlt hatte, darüber wollte er lieber nicht nachdenken.

 

„Und daraus schlossen Sie, dass sie tot ist?“ Sie wirkte sehr bekümmert.

 

„Nein, zuerst nicht. Aber dann fanden wir sie.“

 

„Was genau fanden Sie denn?“

 

Der Wind fegte durch das Tal, über ihnen türmten sich schwarze Wolken auf. Ein altes Sprichwort besagte: „Wenn dir das Wetter hier in Texas nicht gefällt, dann warte einfach fünf Minuten.“ So schnell änderte es sich oftmals. Er und die Frau sollten sich besser Schutz suchen.

 

Widerstrebend zwang er sich, ihr zu antworten. „Eine verbrannte Leiche.“

 

Ein Blitz zuckte aus den Wolken hervor und die Frau hatte Mühe, ihr Pferd zu zügeln. „Wie konnten Sie sicher sein, dass es Molly war?“

 

„In der Nähe fanden wir ein kleines goldenes Kreuz, das sie immer um den Hals getragen hatte. Und die verkohlte Leiche hatte die passende Größe.“

 

Sie blickte hinüber zu den Gräbern, was Matt Gelegenheit gab, ihr Profil zu betrachten. Sie war gekleidet wie ein Mann, trug eine dunkle Hose und ein zu großes, helles Hemd, aber es war nicht zu übersehen, dass es sich um eine junge Frau handelte. Die Zügel wurden von schlanken Fingern gehalten, und ihre femininen Rundungen und die anmutige Haltung waren hübsch anzuschauen. Obwohl das Pferd zunehmend unruhiger wurde, hielt sie sich mit natürlicher Leichtigkeit im Sattel.

 

„Wie heißen Sie?“, fragte er laut, um das Heulen des Windes zu übertönen.

 

Der Blick, den sie ihm zuwarf, sprach von Misstrauen, Ungläubigkeit und … Verlassenheit? Der Gedanke verblüffte ihn.

 

Die Himmelsschleusen öffneten sich und Regen prasselte auf sie hernieder.

 

„Wir sollten besser ins Haus gehen.“ Er lenkte sein Pferd den Pfad hinunter. Aus dem Augenwinkel bemerkte er, dass sie zögerte. Beim Anblick der verfallenen Ranch schimmerte Angst in ihren Augen.

 

Als er das verlassene Gebäude erreichte, war sie jedoch direkt hinter ihm. „Ich bringe die Pferde in den Stall. Vielleicht gibt es da drin ein trockenes Plätzchen für sie.“ Er nahm beiden Tieren die Satteltaschen ab und reichte sie ihr. „Gehen Sie doch schon hinein und schauen Sie nach, ob wir drinnen abwarten können, bis der Sturm vorüber ist.“

 

Sie nickte.

 

Der Stall war in einem besseren Zustand, als er erwartet hatte. Während er sich um die Pferde kümmerte, dachte er an die Frau und fragte sich, woher sie die Harts wohl gekannt haben mochte. Vor zehn Jahren musste sie noch ein Kind gewesen sein, vielleicht etwa in Mollys Alter, und Matt war sich sicher, dass er sich an sie erinnert hätte, wenn er ihr schon einmal begegnet wäre. In dem Sommer, als die Familie ermordet worden war, hatte er auf Wunsch seines Vaters auf der Ranch ausgeholfen.

 

In jener Zeit hatte er sich mit der neunjährigen Molly angefreundet. Auf Außenstehende hatte das sicher seltsam gewirkt, immerhin war er acht Jahre älter gewesen als sie, aber ihre unbeschwerte Kameradschaft hatte ihn in ihr die Schwester sehen lassen, die er nie gehabt hatte. Die Kleine hatte sich umgehend einen Platz in seinem Herzen erobert und er hatte sich als ihr Freund und Beschützer gefühlt. Aber bei Letzterem hatte er versagt. Bis heute quälte ihn deswegen sein Gewissen.

 

Er rannte durch den Regen und prallte beinahe gegen die Frau, die im Eingang stand und scheinbar noch keinen Schritt ins Haus gemacht hatte. Sofort zog er seinen Revolver und schaute sich nach wilden Tieren um, die sich hier vielleicht ebenfalls vor dem Sturm verkriechen wollten.

 

Er streckte die Hand aus und berührte sie am Arm.

 

Sie machte einen Satz nach vorn.

 

„Ganz ruhig“, murmelte er und schob sie sanft beiseite. Er ging durch das Haus und warf einen Blick in jedes Zimmer. An mehreren Stellen regnete es durch, aber zum Glück fand sich kein Hinweis auf andere Lebewesen. „Das hintere Schlafzimmer macht einen trockenen Eindruck.“

 

Statt ihm zu folgen, blieb die Frau mit den durchdringenden blauen Augen und der faszinierenden Stimme an der Tür zu einem anderen Zimmer stehen.

 

Matt runzelte die Stirn. Wann hatte er angefangen, sie faszinierend zu finden?

 

Er befand sich am Ende des Flurs, als ein weiterer Blitz das dunkle Haus für einen kurzen Moment erhellte. Das nasse Hemd klebte ihr am Leib und zeigte deutlich ihre Figur. Matt zwang sich, den Blick abzuwenden. Er hatte nicht die Absicht, die Lage der Frau in irgendeiner Weise auszunutzen.

 

Sie verschwand in dem anderen Schlafzimmer. Er legte seinen Hut ab und fuhr sich mit den Fingern durch das feuchte Haar. Anziehend oder nicht, etwas war sonderbar an dieser Frau. Er folgte ihr.

 

„Wissen Sie, was aus Mary und Emma geworden ist?“, fragte sie leise, ohne ihn anzuschauen.

 

Sie kannte also Mollys Schwestern. „Ihre Tante Catherine hat sie zu sich nach San Francisco geholt.“

 

Sie atmete aus und ihre Schultern entspannten sich ein wenig. Dann bückte sie sich und hob eine alte, dreckige Puppe auf. „Die gehörte Emma“, flüsterte sie.

 

„Woher wissen Sie so vieles über die Familie, die hier lebte?“ Matt frustrierte es, dass die Frau so wenig von sich preisgab. „Wer sind Sie?“

 

Als sie sich zu ihm umdrehte, bemerkte er im Licht der Blitze Tränen in ihrem Gesicht. „Ich könnte es Ihnen sagen, aber ich fürchte, Sie würden es mir nicht glauben. Es war dumm von mir, anzunehmen, ich könnte herkommen und alles wäre wie früher.“ Sie starrte auf die Puppe in ihren Händen und sprach leise weiter. „So viele Jahre sind für immer verloren, für uns alle.“

 

„Wie heißen Sie?“, fragte er in drängendem Ton. Langsam breitete sich eine unheilvolle Ahnung in ihm aus. Es konnte nicht sein. Das war unmöglich.

 

Selbst als sie das, was er längst vermutete, aussprach, wehrte sich noch alles in ihm dagegen.

 

Ihre warme Stimme übertönte das Trommeln des Regens und den grollenden Donner. „Mein Name ist Molly Hart.“ 

 

 
Translation based on the English version of THE WREN copyright © Second Edition 2014 K.McCaffrey LLC